Grundlagen Geschichte

Die Entwicklungsgeschichte des Konzepts Qi

Die Entwicklungsgeschichte des Konzepts Qi vollzog sich in einzelnen Phasen, die aber nicht klar von einander abzugrenzen sind, sondern fließend ineinander übergehen. Eine umfassende Beschreibung der Entstehung der Konzepts Qi ist im Buch „Qi - Lebenskraftkonzepte in China - Definitionen, Theorien und Grundlagen“ nachzulesen.

1. Phase (? - 700 v. Chr.):

Eine Phase der weltbildlichen Gestaltung eines Zentrumskonzepts, das sowohl dingliche als auch animistische Elemente der Welt verband

Konzept: Wind, Geister und Qi

2. Phase (ca. 7. Jh. v. Chr. bis 2. Jh. v. Chr.):

  1. Eine Phase der Bildung philosophischer Systeme, in denen Qi die Bedeutung eines Theorems erfährt und
  2. eine Phase der Bildung von naturwissenschaftlichen Grundlagen, in denen Qi zum Mittelpunkt des gesamten chinesischen wissenschaftlichen Weltbildes wird

Konzept: Qi, Yin und Yang und die fünf Wandlungsphasen

3. Phase (ca. 2. Jh. v. - 2. Jh. n. Chr.):

Eine Phase zunehmender systematischen Integration des Qi-Konzepts in eine immanente medizinische Theorie innerhalb des Huang-Lao-Daoismus, eine Variante des Daoismus, die den Ordnungsanspruch des „gelben Kaisers“ und die naturalistische Sichtweise von Laozi miteinander kombiniert.

Konzept: Regulierung des Qi-Fluß durch mechanische Einflussnahme

Daoismus und Qi

4. Phase (ca. 1. Jh. - 5 Jh. n. Chr.)

Eine Phase der Innovation des Konzepts Qi unter der Dominanz daoistischer Weltbilder bei der Entwicklung von Langlebigkeitstechniken, auch bekannt sind als „das Leben nähren“  養生 (yangsheng)

Konzept: Geist, Qi, Feinststoff 神氣精 (shen – qi - jing)

Qi im „inneren Elixier“ 內丹 (neidan)

Qi als Ergebnis von Synergismus

5. Phase (ca. 6. Jh. - 10. Jh. n. Chr.)

Eine Phase der Individualisierung des Konzepts Qi in der Zeit zwischen dem 6. und 10. Jh. n. Chr.

Konzept: „Geist, Qi, Feinststoff“ 神,氣,精 (shen, qi, jing)

Rückkehr zur Einheit des Qi

Umkehr der natürlichen Entwicklung

6. Phase (ca. 11. Jh. - 16. Jh. n. Chr.)

Die Neudefinition des Qi-Konzepts unter dem Diktat des Neokonfuzianismus, wobei wir hierbei zwei Phasen unterscheiden müssen in

6. a) Phase (ca. 11. Jh. - 13. Jh. n. Chr.)

Eine Phase der Rationalisierung des Qi-Konzepts während der Song-Zeit im rationalistische Neokonfuzinismus und seiner „Lehre der Struktur“ 理學 (lixue)

Konzepte: Taiji als Ausdruck des Qi in der Ordnung des späten Himmels

            „Leere-Qi“-Dualismus 虛氣 (xu qi)

            „Dao-Qi“-Dualismus 道氣 (dao qi)

            „Struktur-Qi“-Dualismus 理氣 (li qi)

6. b) Phase (ca. 13. Jh. - 16. Jh. n. Chr.)

Eine Phase einer erneuten Subjektivierung des Qi-Konzepts während der Ming-Zeit im idealistischen Neokonfuzianismus und seiner „Lehre des Herzens“ 心學 (xinxue)

Konzepte: Austausch des Konzepts Qi durch das Konzept des Herzen
                 Resonanz zwischen den Dingen und Einssein mit allen Dingen

7.  Phase (17. Jh. - 19. Jh. n. Chr.)

  1. Die sprachwissenschaftliche Suche nach den wahren Bedeutungen des Zeichens Qi
  2. Eine Phase der Integration des Qi-Konzepts in ein zunehmend aufgeklärtes physikalisches Weltbild beginnend mit dem chinesischen Wissenschaftlers Song Yingxing im 17. Jh.
  3. Eine Phase der Überhöhung des Qi-Konzepts als moralischer Parameter

Konzepte: Nur die alten klassischen Konzepte des Qi sind gültig.

Bei Song Yingxing: Feuer, Wasser, Geist und Qi

8. Phase (19. Jh. bis in unsere Zeit):

Die Phase der Verwestlichung des Qi-Konzepts:

  1. Neudefinitionen des Konzepts Qi, bedingt durch die Begegnung mit dem Abendland
  2. Die Materialisierung des Konzepts als physikalischer Faktor im abendländischen naturwissenschaftlichen Sinn.
  3. Eigenständige abendländische Interpretationsansätze zu Qi
  4. Die Verschmelzung des historischen Qi-Konzepts mit abendländischen naturwissenschaftlichen Parametern

9. Phase: Übernahme des Qi in das westliche Denken

Die erste Übertragung des Begriffes Qi in eine abendländische Sprache finden wir in den Übersetzungen chinesischer Schriften durch jesuitische Missionare. Darin wird Qi übersetzt als „spiritus sanctus“. Von diesem Punkt beginnend, wird der Begriff Qi zunehmend in das westliche Denken und dessen Vorstellungen von Lebenskraft und Energie integriert.